Digitalisierung verunsichert Mittelstand

Trotz verzeichneten Anstiegs verhält sich der deutsche Mittelstand beim Thema Digitalisierung noch immer zurückhaltend. Gründe hierfür sind die isolierte Betrachtung der digitalen Transformation als reines IT-Projekt, das fehlen einer übergreifenden Digitalstrategie und geminderte Investitionsbereitschaft.

Der deutsche Mittelstand traut sich nicht. Der Motor der deutschen Wirtschaft nimmt laut einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) nur schwerfällig an Geschwindigkeit zu. So zeigen die aktuellen Zahlen zwar einen Vorwärts-Trend an, jedoch befinden sich unter den sogenannten “Vorreitern” nur ca. 19% der mittelständischen Unternehmen. Unter den “Nachzüglern” befinden sich hingegen rund ein Drittel der Unternehmen mit ca. 32%.
Dabei fällt auf, dass es bei den Nachzüglern bereits an grundlegender, digitaler Infrastruktur mangelt, wie bspw. einer Webseite oder Enterprise Resource Planning (ERP) Software, und insgesamt ein drastischer Aufholbedarf besteht. Betroffen sind hierbei Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern.
Abseits der “Nachzüglicher”-Unternehmen nutzen Firmen erste digitale Vorteile besonders für mehr Flexibilität, Interaktivität und Verknüpfung komplexer Informationen. Unter den “Vorreitern” befinden sich Unternehmen, für die digitale Produkte und Dienstleistungen Teil des Geschäftsmodells geworden sind und Industrie 4.0 Projekte voran treiben. Jedoch verzeichnet die Studie des ZEW auch hier deutliche ausbaufähige Potenziale.

 

Nur etwa ein Fünftel der deutschen Unternehmen im Mittelstand verfügt über eine übergreifende Strategie zur Digitalisierung.

- Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)

 

Laut einer Studie von McKinsey haben die Mittelständler die Relevanz der digitalen Transformation zwar erkannt, lokalisieren diese jedoch isoliert als IT-Thema zur Förderung der Produktivität anstatt als Chance zur Weiterentwicklung des Geschäftsmodells. Dadurch wird enormes wirtschaftliches Potenzial verschwendet. Laut der Studie nutzt Deutschland nur 10% seines digitalen Potenzials und liegt damit abgeschlagen hinter dem Spitzenreiter USA (19%) und sogar hinter dem europäischen Durchschnitt von 12%.

Basierend auf der Befragung “Digitalisierung des Mittelstands” von McKinsey sehen mittelständische UnternehmerInnen Digitalisierung als “die Optimierung des bestehenden Geschäftes, das durch die IT-Funktion verfolgt werde. Sie verbessere Produktionsabläufe, sodass das Thema Digitalisierung generell keine Wettbewerbsbedrohnung durch zukünftige Konkurrenten darstelle” (McKinsey-Umfrage „Digitalisierung des Mittelstands“ September 2016). Es herrscht also ein Missverständnis über das, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Digitalisierung ist eine Transformation, die die gesamte Wertschöpfungskette betrifft und somit Chefsache ist und nicht delegiert werden kann. Digitalisierung kann ganze Branchen neu definieren und bestehende, traditionelle Geschäftsmodelle in kürzester Zeit in die Knie zwingen. Beste Beispiele sind der Niedergang der Videotheken oder das Verschwinden der analogen Fotografie aus der Mainstream-Fotografie. Um nicht vom digitalen Wandel überrollt zu werden, sondern selbst Treiber dessen zu sein, ist eine nachhaltige, langfristige Strategie unverzichtbar.

Diagramm wie viele Unternehmen mit einer geschäftsbereichsübergreifenden DigitalisierungsstrategieQuelle: ZEW

Fortschritt bedeutet Investition
Ein weiterer Punkt für die, in kleinen Schritten voran gehende, digitale Transformation ist die Kostenintensität. Die geringe Risikobereitschaft bei großen Investitionen ist ein Charakteristikum des deutschen Mittelstands, das ihn zu einem starken Wirtschaftstreiber heranwachsen lies. Investiert wird, wenn feststeht, dass mehr Umsätze generiert werden können. Genau hier trifft Digitalisierung auf die Verunsicherung mittelständischer UnternehmerInnen. Die Potenziale von unternehmerischer Digitalisierung sind für viele UnternehmerInnen schwer zu greifen. Investitionen werden nur partiell oder projektorientiert getätigt, da keine übergreifende Strategie und die Weitläufigkeit von digitalem Fortschritt nicht vollständig erfasst wird. Um diese Hemmschwellen zu überwinden, ist das Recruiting von Fachpersonal unabdingbar, um die langfristige, digitale Entwicklung des Unternehmens zu gewährleisten.

Quellen: ZEW, McKinsey, Internetworld